Das Regierungsprogramm der türkis-grünen Bundesregierung sieht Änderungen in der Elementarbildung vor. Welche dies sind, und welche Initiativen sich PädagogInnen erwarten, erklärt Raphaela Keller, Vorsitzende des ÖDKH.

Raphaela Keller

Raphaela Keller ist Vorsitzende des ÖDKH.

Die Elementarpädagogik wird manchmal als Kinderbetreuung gesehen. In den Kindergärten und Horts passiert jedoch viel mehr. Warum ist der frühe Bildungsweg derart entscheidend für die Zukunft der Kinder?

Kinder haben von Geburt an das Recht auf Bildung. Die Familie ist der erste Bildungsort, bald folgen Krippe/Kleinkindgruppe oder Kindergarten. Jedes Kind hat eine ganz spezielle Entwicklung – auch dank vieler Forschungen wissen immer mehr Menschen, dass Kinder nicht mehr (wie unter Maria Theresia) nach Alter einzuteilen sind, sondern auf ihre Entwicklungsfenster Rücksicht zu nehmen ist. Durch die Altersmischung in den Elementaren Bildungseinrichtungen kann das Kind sich Impulse holen, wo es diese braucht. Zum Beispiel beim Spiel mit Jüngeren oder dem Nacheifern bei Älteren. Kindergarten-, Hort- und ElementarpädagogInnen wissen das und handeln mit ihrer Bildungsarbeit danach.

Was sind die größten Herausforderungen vor denen die Hort- und KindergartenpädagogInnen derzeit stehen?

Die größte Herausforderung stellt wohl der aktuelle Mangel an PädagogInnen dar. Zu wenige steigen nach der BAfEP in den Beruf ein oder bleiben im Beruf. Die Entscheidung für diesen tollen, herausfordernden, kreativen und bildungspolitisch wichtigen Beruf wird zumeist zu früh getroffen. Daher fordert der ÖDKH seit vielen Jahren, dass die Ausbildung nach der Matura auf tertiärer Ebene, mit einer gemeinsamen Basisausbildung aller pädagogischen Berufe, zu erfolgen hat. Die BAfEP ist eine wichtige Institution, in der SchülerInnen zukünftig alle diese Berufsfelder kennenlernen könnten, um danach eine erwachsene Entscheidung pro oder kontra zu setzen.

Zeitgemäße Pädagogik setzt schon lange nicht mehr auf „Massenkinderhaltung“, sondern auf individuelle Begleitung und Förderung. Doch es gibt österreichweit zu viele Kinder pro Pädagogin/Pädagogen – der ÖDKH fordert 15 Kinder mit 2 anwesenden PädagogInnen pro Gruppe. Bei Kindern mit besonderen Bedürfnissen (sehr junge Kinder, Kinder mit Behinderungen, etc.) darf die Kinder-PädagogInnen-Relation nicht mehr als 3:1 betragen.

Zur Bildungsarbeit mit den Kindern kommen immer mehr administrative Arbeiten und Erhebungen – da reicht die Arbeitszeit oft nicht aus.

Welche Änderungen stehen uns bevor? Welche Schritte setzt die Politik derzeit und wie empfinden Sie diese Programme?

Viele Änderungen kamen in der letzten Legislaturperiode auf PädagogInnen zu – Sprachstandsfeststellungen, Kopftuchverbot, Deutsch als Fremdsprache, etc. Noch nicht lange gibt es „Pädagogische AssistentInnen“, die eine Chance für eine gewisse Doppelbesetzung für die kindgerechte Bildungsarbeit gibt. Eine Gefahr ist, dass aus Spargründen statt PädagogInnen nur mehr AssistentInnen angestellt werden. Dagegen wehren wir uns!

Die Schritte der Politik sind abzuwarten – noch immer hat unser kleines Land 9 Landesgesetze und somit keine Bundeskompetenz im Bildungsministerium. Ein Bundesrahmengesetz muss erstellt werden, das die besten Bedingungen der Ländergesetze verbindet und somit alle Kinder gleich gute Chancen, sowie alle PädagogInnen und MitarbeiterInnen gleich gute Bedingungen haben.

Welche Wünsche stellen Sie an die Bundesregierung für die Zukunft und welche Maßnahme ist von besonderer Bedeutung?

Dass Elementare Bildung einen großen Part in der Regierungsvereinbarung hat, lässt hoffen, dass nun endlich wirklich Schwung für Reformen im österreichischen Elementaren Bildungsbereich kommt.

Besonders wichtig sind uns Offensiven für mehr PädagogInnen in den Elementaren Bildungseinrichtungen – es gibt ausreichend ausgebildete PädagogInnen, nur nicht im Berufsfeld. PädagogInnen brauchen Begleitung beim Berufseinstieg, Möglichkeiten zum zeitlichen Ausstieg aus der Gruppenarbeit, mehr Ruhephasen und mehr Aufstiegschancen.

Bundesweite Gesetze – statt 15a-Vereinbarungen – müssen beim Bildungsministerium verankert sein. Denn Bildung fängt viel früher an, umfasst alle Bereiche des Lebens und muss ohne Schnittstellen zur Verfügung stehen.

Autorin: Raphaela Keller
Bilder: Adobe Stock | ZVG

Zum ÖDKH:

Der österreichische Berufsverband der Kindergarten- und HortpädagogInnen wurde im Jahr 1994 gegründet und ist ein gemeinnütziger Verein, entstanden durch den Zusammenschluss der Berufsgruppen der Kindergarten- und HortpädagogInnen aus den Bundesländern.

Das Ziel ist eine österreichweite überparteiliche, überkonfessionelle und trägerInnenunabhängige Berufsvertretung von PädagogInnen in elementaren bis zu sekundären Bildungseinrichtungen.

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